Joggen - Gedankenfussel non stop
Joggen gehört nun seit einer Weile zu meinem Alltag. Das wirkt sich positiv auf die Fitness und somit die Gesundheit aus. Kein Nachteil - zudem ist es Entspannung pur…. fünfeinhalb Kilometer, 40 Minuten voller Eindrücke inmitten der Natur.
Die ersten fünf Minuten führen mich durch unsere Siedlung. “Bewaffnet” mit einem MP3-Player und Stöpsel im Ohr bewahrt es mich davor, dass mich Nachbarn anquatschen. Ein Winken und ein Hallo reichen - anderes kann ich ja unmöglich hören. Ja liebe Nachbarn, wenn ich joggen möchte, möchte ich keine Tratschpausen einlegen.
Ich höre - durch Zufallauswahl der Technik - einen alten Austro-Song. “Du entschuldige, i kenn di. Bist du nit die Klane, die i schon als Bua gern ghob hob? Die mit 13 scho kokett wor, mehr als dass erlaubt wor und die enge Jeans onghobt hot. I hob nächtelong nit gschlofn, weil du mir im Schulhof amol mit de Augn gzwinkert host….” Peter Cornelius. Mein Gott - wie lange ist das schon her!? Als der Song akutell war, war ich 13 oder 14. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich den Casettenrekorder dicht als Ohr hielt und laut mitgesungen habe. Kann man heute überhaupt noch Casettenrekorder kaufen? Bekommt man doch nirgends mehr! Egal - ich kann auch heute noch lautstark mitsingen - nicht beim Joggen versteht sich, eher unter der Dusche.
Nach diesen fünf Minuten erreiche ich einen asphaltierten Radweg zwischen einem Fluss und Maisfeldern, der rege frequentiert ist. Der am Anfang angrenzendeTennisplatz ist gut besucht. Warum spiele ich eigentlich kein Tennis mehr? Einige Kurse habe ich schon hinter mir und so mies war ich nicht.
Ein sportlicher Rollstuhlfahrer überholt mich! .. mit einem Dreirad, die Geschwindigkeit erzielt er aus der Kraft der Hände. Ich bewundere diese Menschen, die trotz Behinderung einen Weg finden, sich aktiv zu betätigen. Plötzlich bremst er ab. Das Handy läutet. Tja - lieber Fitnessmitstreiter, Händi in der Hosentasche bedeutet eben auch erreichbar sein. Niemals würde ich mein Händi zum Joggen mitnehmen!
Mütter und Väter mit ihren Kindern kommen mir mit ihren Rädern entgegen. Schön - sonntägliche Freizeitgestaltung im Familienverbund. Alle haben sie ihre Radhelme auf, brav! und so vorbildhaft.
Ein Rottweiler - unangeleint! - im Blickfeld, weit und breit kein Herrl, oder doch jetzt sehe ich ihn - auch ein Jogger. Gott sei Dank habe ich meine Pulsuhr nicht mit. Obwohl ich mit einem Hund aufgewachsen bin, haben mir viele Zeitungsberichte das Vertrauen in gewisse Hunderassen zerstört. Ich möchte nun mal nicht zerfleischt im Kühlhaus landen… blöd dieser Gedanke, aber produziert nicht gerade er diese Ausdünstung, die nur Tiere wahrnehmen können? Phobie, oder schlichtweg Diskriminierung. Gedanke beiseite geschoben - ich liebe Hunde und auch dieser lief völlig desinteressiert an mir vorbei.
Mich überholt ein älterer Mann mit seinem Rad. Ich schätze ich ihn zwischen 70 und 80. Topmodisches Radlerdress, um die Hüfte - wie ich - den MP3-Player geschnallt. Haben ihn wohl auch seine Kinder oder Enkerln eingeredet. Welche Musik er wohl hört? Ich möchte in diesem Alter auch so unterwegs sein. Wenn möglich mit meinem Mann - gemeinsam alt werden ist erstrebenswert. Achja - heute habe ich beim Frühstück in einem Buchkatalog geblättert. Das muss man sich mal vorstellen: Bücher ab 40 in lesefreundlicher Schrift! Ab vierzig????
Nun erreiche ich eine Abzweigung, die mich durch den Wald führt. So gerne laufe ich nicht alleine in abgeschiedene Gegenden. Kurz überlegt - Asphalt oder weicher Waldboden. Die Wahl ist klar. Ich leide doch nicht unter Paranoia…. über einen Schotterweg, der meinen Beinen gut tut, denke ich an das Kundengespräch, das ich am Abend führen werde. Mäßige Vorbereitung nach der stressigen Woche, aber den Auftrag will ich haben und dementsprechend ernst nehmen… ich werde es schaffen - tschaka tschaka - ganz bestimmt!
Auf einer Lichtung sehe ich eine Ulme. Ulmen stehen bei den Kelten für edle Gesinnung, Geschmack, Großzügigkeit, Ehrlichkeit und Führungseigenschaften (und wahrscheinlich vieles mehr - so fit bin ich nicht mit den Kelten - leider - faszinierend zu ergründen..) Kevin Kostner ist eine Ulme - ich bin eine Esche - noch hin und her gerissen zwischen Kevin Kostner, einen der besten Darsteller in Film und Verfilmung - und den Kelten fällt mir die Ruhe in dieser Lichtung auf. Herrlich - die Sonne steht hinter mir und hat noch sehr viel Kraft.
Ein Mann läuft mir entgegen. Bekleidet mit Jeans und Hemd??! Eigenartig, passt irgendwie gar nicht ins Zeitbild. Habe ich doch knapp vorher eine Gruppe von Frauen beim Nordic Walking gesehen. Sündhaftteure Ausrüstung, auffällig geschminkt - einfach chick eben - und nun ein Sportler ohne passendes Outfit! Wovor läuft denn der davon -woher kommt er -wo will er hin?
Nach ein paar Sekunden keinen Gedanken mehr wert - jeder wie er eben mag. Die Bewegung zählt!
Mein Schatten fällt um diese Zeit - Sonntag, etwa zehn Uhr morgens - weit nach vorne. Nach einer Weile höre ich Schritte hinter mir und sehe einen zweiten Schatten. Komisches Gefühl am einsamen Waldrand. Unbehaglich. Entweder jemand, der sich meinem harmonischen Schritt anpassen möchte oder gar meinen Windschatten nützt??! - oder - mir fällt ein - mein Mann erzählte mir, dass in diesem Waldstück, entlang des Wanderweges, Notrufsäulen aufgestellt werden. Wozu eigentlich??? Kinder und Irrwitzige werden sie missbrauchen - Gefahr bestht doch keine! Was will der hinter mir? Soll ich stehen bleiben, soll ich so tun als nichts wäre? Ich drehe mich um… könnte ja nicht anders.
Eine Bekannte, konditionell weit besser drauf als ich wie es scheint - lacht mich an. Hallo!
Die letzte Viertelstunde verbringe ich also in Gesellschaft.
Wir plaudern über den Wahlsonntag. Sind wir froh, dass der Wahlkampf nun vorbei ist! Unbeschwertes Shoppen in der Innenstadt - ohne aufdringliche Werbung verschiedener Coleur. Wer wird denn nun und mit wem? Wie entscheidet der Wähler - soviele wie diesesmal gab es noch nie. Das Wahlalter wird immer weiter gesenkt.. ob das gut ist?
Wir regen uns über das geplante Gaskraftwerk in unserer Gegend auf. Andererseits Energie braucht jeder - auch wir - und überhaupt die Politik beschließt sowieso wie sie will…
Wir tauschen noch das Menü für den Sonntagmittag aus, bequatschen die ersten Schulnoten unserer Kinder im neuen Schuljahr - Frauengespräche eben. Bald sind wir zu Hause. Verschwitzt und mit DEM Wohlgefühl, das man nach freizeitlicher Sportbetätigung verspürt. Ich freue mich auf ein großes Glas Wasser….
Wie schön doch Joggen sein kann. Bewegung - Natur - Beobachtung - Wahrnehmung - Gefühle - Gedankenfussel - Kommunikation - ein Fest der Sinne - und dabei verbrennt man auch noch die ein oder andere Kalorie.
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Der Rest des Sonntags verlief weit weniger vielfälig.
Den Auftrag habe ich übrigens! Angenehmer Kunde mit konkreten Vorstellungen.
Die Nationalratswahl ist auch gelaufen - überraschend das Ergebnis. Man darf auf die Koalitionsverhandlungen gespannt sein!
Auf in die neue Woche….