Die Alraune

Die Alraune ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich um eine Pflanze eine geheimnisvolle Aura bilden kann. Um sie ranken sich fantasievolle, schauerliche und abenteuerliche Geschichten, die im Volks- bzw. Aberglauben noch heute ihre Wirkung zeigen. Liegt eigentlich auf der Hand, dass sich um diese Pflanze Horrorbuch- und auch Filminhalte drehen, die auf diese alte Legende beruhen.

Heute ist die Alraune für viele Menschen ein lästiges Unkraut, unerkannt und unbeachtet, für andere jedoch liegt der Zauber noch immer greifbar. Die Inhaltstoffe der Alraune sind einerseits heilwirkend und andererseits todbringend. In früheren Zeiten, als Pflanzen im täglichen Leben eine große Rolle spielten, war sie unbezahlbar wertvoll und heiß begehrt. Sie war (oder ist?) eine der mächtigsten Zauberpflanzen.

Archäologen fanden in ägyptischen Pyramiden Teile der Alraune als Grabbeigabe. Schon in dieser Kultur war diese Pflanze besonders als Aphrodisiakum sehr geschätzt. Sogar in der Bibel ist sie beschrieben und der griechische Arzt Theophrast erklärte sie im 4. Jahrhundert vor Christus zu einer ganz besonderen Pflanze, die sowohl in Liebesangelegenheiten, als Fruchtbarkeitszauber als auch als Schlafmittel eingesetzt wurde.

Ihre “Hochblüte” fand die Alraune im Mittelalter. Nicht zuletzt deshalb, weil ihre Wurzel mit ein wenig Fantasie wie ein menschlicher Körper aussieht, wurde sie die Zauberpflanze schlechthin. Man gab dieser Wurzel oftmals menschliche Namen, bekleidete sie und verehrte sie wie einen geheimen Hausgeist. Die Wurzel schrie jedoch beim Ausgraben so entsetzlich, dass der Ausgraber sterben musste, falls er sich nicht die Ohren verstopfte. Mit bloßen Händen durfte man sie ohnehin nicht ausgraben, dies stellte höchste Lebensgefahr dar. Zudem war es ungeheuer schwer, sie auszugraben, weil sie sich bei Berührung tief in die Erde zurückzog. Um also ohne Schaden an die Alraune zu gelangen, gab es recht skurille Ernteanweisungen. Man konnte sie beispielsweise durch das Übergießen mit Urin oder Menstruationsblut überlisten. Eine Methode war auch, einen Hund an sie festzubinden, damit er sie ausreißt. Somit war auch der Hund als Ausgraber durch den Schrei geschädigt und gestraft und nicht der angehende Besitzer.
Entscheidet war schließlich auch die Aufbewahrung der Alraune. Sie wurde nach genauen Vorgaben gelagert und “ernährt”.

Dennoch nahmen die Menschen die großen Gefahren und Risken auf sich, um an die Alraune zu gelangen. Wer sie besaß, zog unweigerlich Ruhm, Reichtum und Glück an. Wie sich der Glaube daran halten konnte, dass der Besitzer auch unverwundbar und frei von körperlichen Beschwerden sein sollte, ist mir völlig unklar. Immerhin waren Krankheiten zur damaligen Zeit stark verbreitet und die Unverwundbarkeit wäre doch schnell ausgetestet gewesen. Oder ist da doch etwas dran - an der Macht der Alraune?
Von vielen bekannten Persönlichkeiten wird berichtet, dass sie eine Alraunenwurzel stets bei sich trugen. Karl IV, Johanna von Orleans, Kaiser Rudolf II oder Faust beispielsweise.

Erstaunlich dennoch, dass sich um eine Pflanze so ein prägendes Bild machen konnte, heute erscheint uns dies wohl als unverständlich. Diese Mythen um die Alraune haben sich jedoch viele Jahrhunderte gehalten.

Im 19. Jahrhundert konnte man folgendes lesen:

Diese Wurzel wächst unter dem Galgen, wo die zweideutigsten Tränen eines Gehenkten geflossen sind. Sie gab einen entsetzlichen Schrei, als die schöne Isabella sie dort um Mitternacht aus dem Boden gerissen. Sie sah aus wie ein Zwerg, nur dass sie weder Augen, Mund noch Ohren hatte. Das liebe Mädchen pflanzte ihr ins Gesicht zwei schwarze Wacholderkerne und eine rote Hagebutte, woraus Augen und Mund entstanden. Nachher streute sie dem Männlein auch ein bisschen Hirse auf den Kopf, welches als Haar, aber etwas struppig, in die Höhe wuchs. Sie wiegte das Missgeschöpf in ihren weißen Armen, wenn es wie ein Kind greinte; mit ihren holdseligen Rosenlippen küsste sie ihm das Hagebuttmaul ganz schief….
entnommen aus: “Die romantische Schule”, Heinrich Heine (1797 - 1856)

  1. schreibt am 19.April 2008 um 00:31

    Ein Mythos hat seinen eigenen Wert ganz unabhängig von der Realität. Ich hätte mir noch gewünscht kurz zu erfahren, welche Wirkung die Alraune wirklich hat.

  2. orange
    schreibt am 19.April 2008 um 00:58

    naja - ich habe ihre Wirkung nicht ausprobiert ;-)
    Mich interessiert der Aberglaube zwar, aber ich experimentiere nicht direkt, dazu denke ich zu rational. Leider oder zum Glück - wer weiß ….

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